Anforderungsmanagement

Die zehnte Korrekturschleife war eigentlich die erste.

Manchmal liegt der Fehler nicht im Entwurf, sondern im Ausgangspunkt.

Wer viele Jahre Projekte begleitet, erkennt irgendwann ein Muster. Es gibt Projekte, die laufen erstaunlich geräuschlos. Entscheidungen fallen schnell, Korrekturen bleiben überschaubar und am Ende sind alle zufrieden.

Und dann gibt es Projekte, die scheinbar nie fertig werden. Version 7 wird zu Version 12. Aus einer kleinen Anpassung entsteht eine Grundsatzdiskussion. Und irgendwann fällt ein Satz, der alles verändert: „Vielleicht sollten wir noch einmal grundsätzlich darüber sprechen.

Aus dem Projektalltag von Mike Gottlebe | 2026

Der Moment, an dem es klick macht

Vor einigen Jahren arbeitete ich an einem Kommunikationsprojekt, das sich bereits mehrere Wochen hinzog. Das Team war engagiert. Der Kunde ebenfalls. Niemand blockierte. Niemand verhielt sich unprofessionell. Trotzdem kamen wir nicht voran. Jede neue Version löste neue Diskussionen aus. Mal ging es um Farben, dann um Bilder, anschließend um Formulierungen. Die Zahl der Kommentare wuchs, die Zufriedenheit jedoch nicht. Irgendwann fragte ich in einer Besprechung etwas, das eigentlich ganz am Anfang hätte geklärt werden müssen:

„Woran erkennen wir eigentlich, dass dieses Projekt erfolgreich war?“

Plötzlich wurde es still.

Die falsche Frage perfekt beantwortet

Im Nachhinein war das Problem offensichtlich. Wir hatten versucht, die perfekte Lösung zu entwickeln, ohne die eigentliche Aufgabe sauber zu definieren. Das passiert häufiger, als man denkt.

Wer ist die Zielgruppe? Welche Entscheidung soll erleichtert werden? Welche Reaktion soll ausgelöst werden? Was genau soll sich nach dem Projekt verändern?

Wenn diese Fragen nicht eindeutig beantwortet sind, entsteht ein seltsames Phänomen: Alle arbeiten fleißig, aber jeder verfolgt ein etwas anderes Ziel. Dann wird jede Korrekturschleife zum Versuch, einen Nebel zu beseitigen, der eigentlich schon beim Projektstart entstanden ist.

Warum Erfahrung manchmal aus Bremsen besteht

Früher habe ich versucht, solche Situationen durch mehr Einsatz zu lösen. Mehr Varianten. Mehr Ideen. Mehr Abstimmungen. Heute reagiere ich anders.

Wenn ein Projekt ungewöhnlich viele Schleifen dreht, suche ich nicht zuerst nach der besseren Lösung. Ich suche nach der besseren Frage. Denn oft steckt hinter zehn Korrekturen keine schlechte Umsetzung, sondern eine ungeklärte Richtung. Das ist manchmal unbequem. Es bedeutet, einen Schritt zurückzugehen, obwohl alle lieber weiterlaufen würden. Aber genau dieser Schritt spart häufig Wochen an Arbeit.

Fortschritt oder Beschäftigung?

Projektpläne vermitteln gerne den Eindruck, dass Bewegung automatisch Fortschritt bedeutet. In der Praxis ist das nicht immer der Fall. Manchmal sind Projekte wie ein Navigationssystem, das mit den falschen Koordinaten gestartet wurde. Man kann stundenlang fahren und trotzdem nicht näher ans Ziel kommen. Deshalb gehört für mich zu guter Projektarbeit nicht nur das Vorankommen, sondern gelegentlich auch das Anhalten.

Schlussgedanke

Nicht jede Schleife ist überflüssig. Gute Projekte brauchen Diskussionen, Perspektiven und Korrekturen. Aber wenn Version 10 plötzlich die Fragen stellt, die eigentlich Version 1 hätte beantworten müssen, liegt das Problem selten im Entwurf. Dann war die zehnte Korrekturschleife in Wahrheit die erste.

Wenn zehn Korrekturen nötig sind, liegt das Problem oft nicht im Entwurf, sondern in der Ausgangsfrage.

Aus der Praxis. Nicht aus dem Lehrbuch.

Mike Gottlebe arbeitet seit über 20 Jahren an Kommunikations-, Design- und Digitalprojekten. Die Gedanken in diesem Blog basieren nicht auf Theorien, sondern auf Erfahrungen aus Kundenprojekten, Workshops, Projektmanagement und der täglichen Zusammenarbeit mit Menschen.

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